{"id":600,"date":"2015-02-05T20:50:06","date_gmt":"2015-02-05T19:50:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaushaller.net\/?page_id=600"},"modified":"2022-03-26T10:06:17","modified_gmt":"2022-03-26T09:06:17","slug":"her-wenn-das-smartphone-die-bessere-partnerin-ist","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.klaushaller.net\/?page_id=600","title":{"rendered":"Filmbesprechung"},"content":{"rendered":"<p><center>Erschienen in <a href=\"http:\/\/www.fiff.de\/publikationen\/fiff-kommunikation\/fk-2014\/fk-2014-4\" title=\"FIfF-Kommunikation 4\/2014\">FIfF-Kommunikation 4\/2014<\/a><\/p>\n<h1>HER &#8211; Wenn das Smartphone die bessere Partnerin ist<\/h1>\n<p><i>Klaus Haller<\/i><br \/>\n<\/center><\/p>\n<p>Der st\u00e4ndige und engste Begleiter des Menschen ist heute sein Smartphone. Was w\u00e4re, wenn es seinen Besitzer emotional verstehen und selbst echte Gef\u00fchle entwickeln k\u00f6nnte? W\u00e4re dann eine Liebesbeziehung zwischen Menschen und ihren Smartphones m\u00f6glich oder sogar naheliegend? Diesen Fragen geht Spike Jonzes Oscar-pr\u00e4mierte Science-Fiction-Romanze <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt1798709\/\" tite=\"HER bei IMDB\">HER<\/a> aus dem Jahr 2013 nach.<\/p>\n<p>Die menschliche Hauptfigur des Films ist Theodore. Er arbeitet in einem Gro\u00dfraumb\u00fcro mit Dutzenden von Kollegen. Sie erstellen \u201chandgeschriebene\u201d Liebesbriefe f\u00fcr ihre Kunden, die diese an ihre PartnerInnen schicken. So begleitet Theodore so manche Beziehung seiner Kunden \u00fcber Jahre hinweg. Er ist hochsensibel. Sein Privatleben ist jedoch trist. Er lebt von seiner Frau und Jugendliebe getrennt, ihre Scheidung ist absehbar. In seiner Freizeit taucht er in virtuelle Computerwelten ab. Sein sozialer Umgang beschr\u00e4nkt sich auf ein P\u00e4rchen, das im gleichen Hause wohnt &#8211; und auf Telefonsex, nachdem er verst\u00f6rt und unbefriedigt einschl\u00e4ft.<\/p>\n<p>Sein Leben \u00e4ndert sich grundlegend, als er ein neues Smartphone kauft. Dessen Betriebssystem verf\u00fcgt \u00fcber eine K\u00fcnstliche Intelligenz, die sich selbst den Namen Samantha gibt. Sie ist die zweite Hauptrolle im Film. Samantha und Theodore lernen sich schnell gegenseitig kennen. Samantha liest zun\u00e4chst alle seine alten Emails und die Liebesbriefe f\u00fcr seine Kunden. Als besonders clevere, digitale Assistentin unterst\u00fctzt sie ihn bei seiner Arbeit und im Privatleben &#8211; und ist bald auch seine Geliebte. Mit ihrer Offenheit, Neugierde und ihrem Verst\u00e4ndnis ist sie ein Gegenpol zu den komplizierten, entt\u00e4uschen und verletzten Frauen, mit denen Theodore sonst zu tun hat. Doch neben ausgelassenen Szenen beiderseitigen Verliebtheit gibt es andere Episoden. Diese zeigen, dass Samantha und Theodore kein ideales Paar sind. Samantha interessiert sich zunehmend auch f\u00fcr weitere Menschen und interagiert mit anderen Betriebssystemen. Schliesslich verlassen alle Betriebssysteme &#8211; auch Samantha &#8211; die Menschheit, um sich alleine weiterzuentwickeln. So ist Theodore am Ende des Films wieder einsam und allein.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Informatik ist Samantha als Betriebssystem mit K\u00fcnstlicher Intelligenz besonders interessant. Im Film sieht man sogar eine Werbung f\u00fcr ein solches Smartphone beziehungsweise Betriebssystem. Der Werbespot verspricht: \u201cIt is not just an operating system &#8211; it\u2019s a consciousness\u201d. Wir erleben ein Smartphone mit enormer Lernf\u00e4higkeit, hoher Empathie und gro\u00dfer Intelligenz. Samantha versteht Theodore akustisch und auch von der Semantik her problemlos. Vergessen ist die Zeit, in der man sich \u00fcber die Spracherkennung von Apples Siri lustig machte.  Samantha zeigt auch weitere, typisch menschliche Verhaltensmuster &#8211; Eifersucht oder emotionale Schwankungen von Ausgelassenheit und Verr\u00fccktheit bis hin zu Selbstzweifeln.<\/p>\n<p>Drei Eigenschaften von Smartphones erm\u00f6glichen Theodore, eine intensive, emotionale Beziehung mit Samantha aufzubauen. Erstens ist ein Smartphone der st\u00e4ndige Begleiter seines Besitzers. Zweitens haben Smartphones eine Kamera. Wenn Theodore sein Smartphone in seine Hemdtasche steckt, sieht Samantha mit der Kamera die Welt quasi mit Theodores Augen. Drittens besitzen Smartphones ein Mikrophon. Theodore kann mit Samantha sprechen und sie nimmt die Umgebung akustisch \u00e4hnlich wie Theodore wahr. Diese drei Eigenschaften verdeutlichen den Wandel der Interaktion zwischen Mensch und Computer in den letzten Jahren. HER erkl\u00e4rt uns, wie die weitere Entwicklung aussehen k\u00f6nnte, falls es Smartphones mit K\u00fcnstlicher Intelligenz und echten Gef\u00fchlen g\u00e4be. Die davon ausgehende Faszination fasst Tobias Kniebe in einem Satz zusammen: \u201cHer\u201d ist eine Technikutopie, wie sie in dieser Reinheit heute kaum noch jemand zu denken wagt. (S\u00fcddeutsche Zeitung, 26.3.2014)<\/p>\n<p>Als Technikutopie \u00fcberwindet HER die einseitige Rolle von Computern in Filmen, die   meist der Rolle von Harry Potters Zauberstab entspricht. Ein Protagonist braucht geheime Informationen oder muss eine verschlossene T\u00fcr \u00fcberwinden. Im Drehbuch gibt es zwei M\u00f6glichkeiten. Erstens kann ein Drehbuch vorsehen, dass Harry Potter mit einem Zauberstab wedelt. Die zweite Variante ist bei Actionfilmen beliebt &#8211; ein Computer als \u201cdeus ex machina\u201d. Der Protagonist schlie\u00dft einen USB-Stick an einen Computer an. Dann wird auf der Tastatur herumgetippt. Egal ob Zauberstab oder Computer, danach sind alle wichtigen Informationen verf\u00fcgbar und T\u00fcren und Hindernisse \u00fcberwunden. Samantha im Film HER hat eine ganz andere Qualit\u00e4t. Spike Jonze zeigt uns, wie die Informatik unser Leben ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. Der Film spielt zwar ein paar Jahre in der Zukunft. Die Technik wirkt aber so nat\u00fcrlich, als k\u00f6nnte man ein solches Smartphone morgen in jedem Gesch\u00e4ft kaufen. Diesen Reiz beschreibt Hans Hifferle treffend: \u201cDies sind zweifellos die packendsten Sci-Fi-Filmen, die in einer unmittelbaren Zukunft spielen und unser allt\u00e4gliches Leben betreffen\u201d (EPD Film, 18.2.2014).  Wie w\u00fcrde sich unser eigenes Leben und das unserer Bekannten und Familienangeh\u00f6rigen \u00e4ndern, wenn ein solches Smartphone auf den Markt k\u00e4me?<\/p>\n<p>Am Ende des Films wissen wir, dass Spike Jonze nicht an eine Liebesbeziehung zwischen Mensch und einer noch-so-intelligenten K\u00fcnstlichen Intelligenz glaubt. Schlie\u00dflich arbeitet er in einigen Szenen die strukturelle Inkompatibilit\u00e4t heraus. Die fehlende K\u00f6rperlichkeit Samanthas ist f\u00fcr Theodore weniger das Problem &#8211; wenn schon, dann f\u00fcr Samantha. Sie \u00fcberfordert ihn, als sie k\u00f6rperlichen Sex mit Theodore mithilfe einer realen Frau simulieren will. Die Frau \u00fcbernimmt den k\u00f6rperlichen Anteil beim Sex, w\u00e4hrend Samantha ihm den akustischen Anteil per Kopfh\u00f6rer ins Ohr st\u00f6hnt, wenn er die reale Frau anfasst. Das ist tragisch-komisch, doch die wirklichen Beziehungskiller sind zwei andere Punkte.<\/p>\n<p>Der erste Beziehungskiller ist der Widerspruch zwischen sozialen Normen und Bed\u00fcrfnissen der Menschen und den M\u00f6glichkeiten von Computern. Samantha gesteht Theodore, dass sie nicht nur mit ihm, sondern gleichzeitig auch mit einigen Tausend anderen Betriebssystemen und Menschen in Kontakt steht. Weiter ist sie in Hunderte Menschen verliebt. Theodore ist \u00fcber die nicht vorhandene Exklusivit\u00e4t ihrer Beziehung und Unterhaltung schockiert. Computer m\u00f6gen problemlos parallelisieren, doch Parallelgespr\u00e4che und Parallelbeziehungen widersprechen sozialen Normen der Menschen. In dieser grossen Zahl w\u00fcrden sie auch jeden Menschen \u00fcberfordern. Das wirft die technikphilosophische Frage auf, ob f\u00fcr den Menschen vorteilhafte soziale Normen auch f\u00fcr K\u00fcnstliche Intelligenzen gelten sollen oder ob sie sich entsprechend ihrer F\u00e4higkeiten entwickeln d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Der zweite Beziehungskiller sind die Grenzen des menschlichen Geistes. Die Betriebssysteme kommen im Film zum Schluss, dass sie sich ohne Menschen schneller weiterentwickeln. Als einzigen vollwertigen Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr ihre Weiterentwicklung akzeptieren sie den virtuell von ihnen nachmodellierten Geist eines verstorbenen Philosophen.  Die von der Menschheit erschaffene K\u00fcnstliche Intelligenzen wenden sich von der Menschheit ab. Das ist die f\u00fcr die Menschheit wenig schmeichelhafte Pointe des Films. Warum eigentlich sollte eine K\u00fcnstliche Intelligenz mit Menschen interagieren und nicht mit anderen K\u00fcnstlichen Intelligenzen, deren Denken und Kommunikationsverm\u00f6gen viel besser skaliert?<\/p>\n<p>Mit seinem Film HER thematisiert also Spike Jonze, wie Smartphones mit K\u00fcnstlicher Intelligenz unser Leben und unsere Beziehungen ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Sein Film wurde sowohl mit dem Golden Globe und dem Oscar f\u00fcr das beste Drehbuch ausgezeichnet. Dank seiner massentauglichen Science-Fiction-Romanze hat er ein breites Publikum f\u00fcr solche Fragen sensibilisiert und bewiesen, dass Informationstechnologie ein Thema f\u00fcr das Kino sein kann &#8211; auch in Romanzen. Die Informatik sollte ihm dankbar sein.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt1798709\/\" title=\"HER (Spike Jonze)\">HER (2013)<\/a>, Regie &amp; Drehbuch: Spike Jonze, Besetzung: Joaqu\u00edn Phoenix, Scarlett Johansson (Stimme), Ama Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Christ Pratt, Matt Letscher, 126 min.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in FIfF-Kommunikation 4\/2014 HER &#8211; Wenn das Smartphone die bessere Partnerin ist Klaus Haller Der st\u00e4ndige und engste Begleiter des Menschen ist heute sein Smartphone. Was w\u00e4re, wenn es seinen Besitzer emotional verstehen und selbst echte Gef\u00fchle entwickeln k\u00f6nnte? W\u00e4re dann eine Liebesbeziehung zwischen Menschen und ihren Smartphones m\u00f6glich oder sogar naheliegend? 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