Filmbesprechung

Erschienen in FIfF-Kommunikation 4/2014

HER – Wenn das Smartphone die bessere Partnerin ist


Klaus Haller

Der ständige und engste Begleiter des Menschen ist heute sein Smartphone. Was wäre, wenn es seinen Besitzer emotional verstehen und selbst echte Gefühle entwickeln könnte? Wäre dann eine Liebesbeziehung zwischen Menschen und ihren Smartphones möglich oder sogar naheliegend? Diesen Fragen geht Spike Jonzes Oscar-prämierte Science-Fiction-Romanze HER aus dem Jahr 2013 nach.

Die menschliche Hauptfigur des Films ist Theodore. Er arbeitet in einem Großraumbüro mit Dutzenden von Kollegen. Sie erstellen “handgeschriebene” Liebesbriefe für ihre Kunden, die diese an ihre PartnerInnen schicken. So begleitet Theodore so manche Beziehung seiner Kunden über Jahre hinweg. Er ist hochsensibel. Sein Privatleben ist jedoch trist. Er lebt von seiner Frau und Jugendliebe getrennt, ihre Scheidung ist absehbar. In seiner Freizeit taucht er in virtuelle Computerwelten ab. Sein sozialer Umgang beschränkt sich auf ein Pärchen, das im gleichen Hause wohnt – und auf Telefonsex, nachdem er verstört und unbefriedigt einschläft.

Sein Leben ändert sich grundlegend, als er ein neues Smartphone kauft. Dessen Betriebssystem verfügt über eine Künstliche Intelligenz, die sich selbst den Namen Samantha gibt. Sie ist die zweite Hauptrolle im Film. Samantha und Theodore lernen sich schnell gegenseitig kennen. Samantha liest zunächst alle seine alten Emails und die Liebesbriefe für seine Kunden. Als besonders clevere, digitale Assistentin unterstützt sie ihn bei seiner Arbeit und im Privatleben – und ist bald auch seine Geliebte. Mit ihrer Offenheit, Neugierde und ihrem Verständnis ist sie ein Gegenpol zu den komplizierten, enttäuschen und verletzten Frauen, mit denen Theodore sonst zu tun hat. Doch neben ausgelassenen Szenen beiderseitigen Verliebtheit gibt es andere Episoden. Diese zeigen, dass Samantha und Theodore kein ideales Paar sind. Samantha interessiert sich zunehmend auch für weitere Menschen und interagiert mit anderen Betriebssystemen. Schliesslich verlassen alle Betriebssysteme – auch Samantha – die Menschheit, um sich alleine weiterzuentwickeln. So ist Theodore am Ende des Films wieder einsam und allein.

Aus Sicht der Informatik ist Samantha als Betriebssystem mit Künstlicher Intelligenz besonders interessant. Im Film sieht man sogar eine Werbung für ein solches Smartphone beziehungsweise Betriebssystem. Der Werbespot verspricht: “It is not just an operating system – it’s a consciousness”. Wir erleben ein Smartphone mit enormer Lernfähigkeit, hoher Empathie und großer Intelligenz. Samantha versteht Theodore akustisch und auch von der Semantik her problemlos. Vergessen ist die Zeit, in der man sich über die Spracherkennung von Apples Siri lustig machte. Samantha zeigt auch weitere, typisch menschliche Verhaltensmuster – Eifersucht oder emotionale Schwankungen von Ausgelassenheit und Verrücktheit bis hin zu Selbstzweifeln.

Drei Eigenschaften von Smartphones ermöglichen Theodore, eine intensive, emotionale Beziehung mit Samantha aufzubauen. Erstens ist ein Smartphone der ständige Begleiter seines Besitzers. Zweitens haben Smartphones eine Kamera. Wenn Theodore sein Smartphone in seine Hemdtasche steckt, sieht Samantha mit der Kamera die Welt quasi mit Theodores Augen. Drittens besitzen Smartphones ein Mikrophon. Theodore kann mit Samantha sprechen und sie nimmt die Umgebung akustisch ähnlich wie Theodore wahr. Diese drei Eigenschaften verdeutlichen den Wandel der Interaktion zwischen Mensch und Computer in den letzten Jahren. HER erklärt uns, wie die weitere Entwicklung aussehen könnte, falls es Smartphones mit Künstlicher Intelligenz und echten Gefühlen gäbe. Die davon ausgehende Faszination fasst Tobias Kniebe in einem Satz zusammen: “Her” ist eine Technikutopie, wie sie in dieser Reinheit heute kaum noch jemand zu denken wagt. (Süddeutsche Zeitung, 26.3.2014)

Als Technikutopie überwindet HER die einseitige Rolle von Computern in Filmen, die meist der Rolle von Harry Potters Zauberstab entspricht. Ein Protagonist braucht geheime Informationen oder muss eine verschlossene Tür überwinden. Im Drehbuch gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens kann ein Drehbuch vorsehen, dass Harry Potter mit einem Zauberstab wedelt. Die zweite Variante ist bei Actionfilmen beliebt – ein Computer als “deus ex machina”. Der Protagonist schließt einen USB-Stick an einen Computer an. Dann wird auf der Tastatur herumgetippt. Egal ob Zauberstab oder Computer, danach sind alle wichtigen Informationen verfügbar und Türen und Hindernisse überwunden. Samantha im Film HER hat eine ganz andere Qualität. Spike Jonze zeigt uns, wie die Informatik unser Leben verändern könnte. Der Film spielt zwar ein paar Jahre in der Zukunft. Die Technik wirkt aber so natürlich, als könnte man ein solches Smartphone morgen in jedem Geschäft kaufen. Diesen Reiz beschreibt Hans Hifferle treffend: “Dies sind zweifellos die packendsten Sci-Fi-Filmen, die in einer unmittelbaren Zukunft spielen und unser alltägliches Leben betreffen” (EPD Film, 18.2.2014). Wie würde sich unser eigenes Leben und das unserer Bekannten und Familienangehörigen ändern, wenn ein solches Smartphone auf den Markt käme?

Am Ende des Films wissen wir, dass Spike Jonze nicht an eine Liebesbeziehung zwischen Mensch und einer noch-so-intelligenten Künstlichen Intelligenz glaubt. Schließlich arbeitet er in einigen Szenen die strukturelle Inkompatibilität heraus. Die fehlende Körperlichkeit Samanthas ist für Theodore weniger das Problem – wenn schon, dann für Samantha. Sie überfordert ihn, als sie körperlichen Sex mit Theodore mithilfe einer realen Frau simulieren will. Die Frau übernimmt den körperlichen Anteil beim Sex, während Samantha ihm den akustischen Anteil per Kopfhörer ins Ohr stöhnt, wenn er die reale Frau anfasst. Das ist tragisch-komisch, doch die wirklichen Beziehungskiller sind zwei andere Punkte.

Der erste Beziehungskiller ist der Widerspruch zwischen sozialen Normen und Bedürfnissen der Menschen und den Möglichkeiten von Computern. Samantha gesteht Theodore, dass sie nicht nur mit ihm, sondern gleichzeitig auch mit einigen Tausend anderen Betriebssystemen und Menschen in Kontakt steht. Weiter ist sie in Hunderte Menschen verliebt. Theodore ist über die nicht vorhandene Exklusivität ihrer Beziehung und Unterhaltung schockiert. Computer mögen problemlos parallelisieren, doch Parallelgespräche und Parallelbeziehungen widersprechen sozialen Normen der Menschen. In dieser grossen Zahl würden sie auch jeden Menschen überfordern. Das wirft die technikphilosophische Frage auf, ob für den Menschen vorteilhafte soziale Normen auch für Künstliche Intelligenzen gelten sollen oder ob sie sich entsprechend ihrer Fähigkeiten entwickeln dürfen.

Der zweite Beziehungskiller sind die Grenzen des menschlichen Geistes. Die Betriebssysteme kommen im Film zum Schluss, dass sie sich ohne Menschen schneller weiterentwickeln. Als einzigen vollwertigen Gesprächspartner für ihre Weiterentwicklung akzeptieren sie den virtuell von ihnen nachmodellierten Geist eines verstorbenen Philosophen. Die von der Menschheit erschaffene Künstliche Intelligenzen wenden sich von der Menschheit ab. Das ist die für die Menschheit wenig schmeichelhafte Pointe des Films. Warum eigentlich sollte eine Künstliche Intelligenz mit Menschen interagieren und nicht mit anderen Künstlichen Intelligenzen, deren Denken und Kommunikationsvermögen viel besser skaliert?

Mit seinem Film HER thematisiert also Spike Jonze, wie Smartphones mit Künstlicher Intelligenz unser Leben und unsere Beziehungen verändern könnten. Sein Film wurde sowohl mit dem Golden Globe und dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Dank seiner massentauglichen Science-Fiction-Romanze hat er ein breites Publikum für solche Fragen sensibilisiert und bewiesen, dass Informationstechnologie ein Thema für das Kino sein kann – auch in Romanzen. Die Informatik sollte ihm dankbar sein.

HER (2013), Regie & Drehbuch: Spike Jonze, Besetzung: Joaquín Phoenix, Scarlett Johansson (Stimme), Ama Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Christ Pratt, Matt Letscher, 126 min.

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